Hunde, Kinder, Literaten – das Heidelberger Literaturcamp

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In Heidelbergs Kultur- und Kreativzentrale, dem Dezernat 16 in der ehemaligen Feuerwache, fand am 11. und 12. Juni erstmals ein Literaturcamp statt. Etwa 150 Literaturschaffende kamen dort, wo einst Feuerwehrleute auf ihre Einsätze warteten, zusammen, um über Literatur zu sprechen. Die Veranstaltung bediente sich des sehr offenen Barcamp-Formats, bei dem das eigentliche Programm erst gemeinsam mit allen Teilnehmenden an den beiden Veranstaltungstagen gemeinsam erstellt wird.

Hunde und Bücher

Welches Buch kommt schon ohne Hunde aus? In jedem dritten Buch dürfte wohl ein Vierbeiner auftauchen, der irgendwo in der Nähe der Handlung bellt. Ein Literaturcamp ohne Hunde ist also undenkbar, auch in einer Diskussionsrunde meldete sich einer zu Wort.

Dies nur als Beispiel, in welchem entspannten Umfeld sich hier eine sehr gemischte Gemeinschaft über zwei Tage hinweg austauschte. Neben Hunden fühlten sich auch Kinder wohl. Für sie stand sogar eine Kinderbetreuung zur Verfügung.

Erwartungen an das Literaturcamp

Mit welchen Erwartungen starten Menschen in so ein Literaturcamp, hören Sie selbst:

Nach einer Begrüßungs- und Vorstellungsrunde ging es an die Sessionplanung. Viele der Teilnehmenden, darunter auch viele Barcamp-Neulinge, wollten gleich aktiv das Programm mit ihren mitgebrachten Inhalten selbst gestalten. Sechs sogenannte Sessions konnten jeweils gleichzeitig stattfinden. Raum dafür bot im Dezernat 16 unter anderem die ehemalige Kantine, eine Turnhalle unterm Dach sowie ein Theaterraum. Die Sessiongeber waren frei, wie sie das eigene Thema präsentieren wollten: als Vortrag, Workshop oder Diskussionsrunde. Nach Ablauf einer Stunde startete die nächste Sessionrunde. Für den Hunger zwischendurch gab es Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie Kuchen. Beim Kaffee nutzten viele Teilnehmende die Zeit zum Netzwerken und persönlichem Austausch. Es summte im Dezernat 16.

Themenvielfalt: Sessionimpressionen

Ein wiederkehrender Kritikpunkt am Barcamp-Format ist, dass man immer Themen verpasst, weil man nur eine Session besuchen kann, während andere gleichzeitig stattfinden. Deshalb kann hier auch nur eine kleine Auswahl von Themen angeboten werden, dafür aber mit akustischen Eindrücken und Fazits der Sessiongeberinnen.

Wie finden Autor*innen zu ihren Schreibthemen?

Die Autorin und Schreibtrainerin Tanja Steinlechner stellte ihrer Session mit dem Titel „Eine Reise zum eigenen Schreibthema“ ein Goethezitat voran.

Während der Session gab sie den Teilnehmenden Raum, um selbst mit von ihr gestellten Aufgaben ins eigene Schreiben zu kommen. Deshalb herrschte in dieser Session minutenlang betriebsame Schreibstille. Man hörte nur Stifte auf Papier. Tanja Steinlechner fasst ihre Session am Ende so zusammen.

Versteckte Verse: Ohne Erfolgsdruck kreativ sein am Samstagnachmittag

Auch für Menschen, die sich sonst nicht für besonders kreativ halten, bot Twitterin @blauschrift (Webseite: http://www.blauschrift.de/) eine herrlich entspannte Session an. Sie stellte die Möglichkeit vor, aus alten Buchseiten versteckte Verse herauszuarbeiten. Am besten beschreibt sie das selbst.

Eine Teilnehmerin war bereit, ihre versteckten Verse vorzutragen.

Literatur woanders – die Zukunft der Literatur?

Die entscheidende Frage wurde dann am Sonntagnachmittag gestellt: Was ist eigentlich Literatur? Wo kann Literatur stattfinden? Bin ich auch Literatur? Ein wunderbar philosophisch unangestrengter, spontaner Austausch, vielleicht gerade, weil das Beantworten der Fragen gar nicht im Vordergrund stand und verbissen verfolgt werden musste. Die Teilnehmenden hatten einfach Lust auf ein bisschen „Spinnerei“, warfen sich die Bälle zu oder lauschten den anderen gespannt, welche interessanten Aspekte hier mit Leichtigkeit durch die Luft schwirrten. Die Sessiongeberin Su Steiger füllte in Windeseile drei Flipchartseiten und hielt die Diskussion mühelos immer wieder mit ein paar provozierenden Fragen am Laufen. In ihren eigenen Worten fasst sie die Session so zusammen.

Man kann sich diesem Thema natürlich auch viel ernsthafter und wissenschaftlicher nähern. Eine der Teilnehmerinnen, Julia Schöborn, hat das auch getan und eine Dissertation zum Thema „Literarische Massenkommunikation im Social Web“ verfasst. Sie ist als PDF frei verfüg- und lesbar.

Scheitern im (Verkaufs)Gespräch

Erfreulicherweise waren auch Buchhändlerinnen an Board des Literaturcamps, denn für sie dürfte es besonders interessant sein, welche Wege Literatur in Zukunft geht. Kati Fräntzel von der Schillerbuchhandlung in Stuttgart-Vaihingen machte anhand von Anekdoten aus dem Alltag in einer Buchhandlung deutlich, dass ein Verkaufsgespräch Kommunikationshochleistungssport sein kann. Eigentlich wollte sie in dieser Session auch schwierige Gesprächssituationen trainieren und analysieren. Allerdings waren ihr in der Session alle Teilnehmenden so zugetan, dass keiner sie ernsthaft in schwierige Kommunikationssituationen bringen wollte. Wer miteinander campen geht, hat sich eben einfach lieb.

Unfallfrei schreiben über Menschen mit Behinderung

Inklusion wird Teil unseres Alltags. Also wird Inklusion auch verstärkt Teil von Literatur. Für Autorinnen und Autoren birgt das aber auch Herausforderungen, auf die die Fachjournalistin und Autorin Mela Eckenfels in ihrer Session „Unfallfrei schreiben über Menschen mit Behinderung“ aufmerksam gemacht hat.

Fazit: Zu viel für diese Welt

Das Dilemma der Buchbranche –  zu viele Bücher und zu wenig Zeit – ist auch diesem Literaturcamp eigen: Zu viele Themen für ein zu kurzes Wochenende, dafür aber in inspirierender und entspannter Atmosphäre.

Die auf dem Literaturcamp gesammelten O-Töne werden auch demnächst in der Sendung „Frisch Gepresst“ auf radioaktiv zu hören sein, ausnahmsweise gibt es sie diesmal zuerst on-line, dann on-air.

Und: Wer jetzt nach diesen Impressionen gerne auch mal ein Barcamp in der Region besuchen möchte: Ebenfalls im Dezernat 16 gibt es am 2./3. Juli das Barcamp Rhein-Neckar, bei der viele Themen denkbar wären: Rhein-Neckar, das Internet als guter Ort, Twitter, Bloggen, u.a. Literatur, Kurpfalz, Baden … Schnell Ticket sichern: Tickets fürs #bcrn16.

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