Wie viel Demokratie darf’s sein? Die Revolution 1848 im Freilandtheater Bad Windsheim

Schauspeil vorm Schlösschen

Die Bühne reicht bis zum Horizont. Auf dem gegenüberliegenden Hügel patrouilliert ein Mann mit Gewehr, auf den Kieswegen rund um ein Schlösschen toben Kinder in altmodischen Kleidern. Zwei Mägde machen sich im Garten zu schaffen. Es ist die erste Szene des Sommerstücks „1848 – Kinder der Revolution“ im Freilandtheater Bad Windsheim.

Das 50 Hektar große Gelände des Fränkischen Freilandmuseums mit originalen Gebäuden aus verschiedenen Jahrhunderten bietet seit inzwischen 13 Jahren immer wieder eine besondere Kulisse für die Open-Air-Aufführungen. Historische Themen drängen sich in dieser Umgebung geradezu auf. Autor Christian Laubert entschied sich diesmal für das Revolutionsjahr 1848.

Die Revolution erreicht Schaffenrath

Das verbindende Element aller Stücke im Freilandtheater ist der fiktive Ort Schaffenrath. Und so steht die Tribühne für 395 Zuschauer diesmal vor einem Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert, das im Stück selbst in die Rolle des Schlosses Wendelsbach bei Schaffenrath schlüpft.

Graf & Gräfin zu Seyl-Schaffenrath

Graf (Sven Tjaben) & Gräfin (Silvia Ferstl) von Seyl-Schaffenrath. Foto: Stefan Döring.

Hier leben Graf und Gräfin von Seyl-Schaffenrath mit Nachwuchs und Gefolge. Der Graf ist Traditionalist und glühender Verehrer Metternichs, die Gräfin hingegen ist für ihre liberale Gesinnung bekannt. Deshalb sucht wohl auch der Parlamentarier Robert Wunderlich Zuflucht im Schloss Wendelsbach, denn er hat den Eindruck, er würde wegen seiner politischen Arbeit in Frankfurt verfolgt und solle gegen seinen Willen nach Russland gebracht werden.

Maskenspiel

Gleichzeitig mit ihm trifft dort auch die ehemalige Geliebte des Grafen von Seyl-Schaffenrath ein. Es ist also nicht verwunderlich, dass das adlige Ehepaar erst einmal versucht, den jeweils eigenen Gast vor dem anderen zu verbergen, zumindest aber deren Identität zu verschleiern. Ausgerechnet jetzt, wenn die Zimmer im Haus knapp werden, kündigt sich auch noch Fürst von Metternich auf der Durchreise an. Das Versteckspiel ist komplett. Bald fallen aber alle Masken und politische Diskussionen sind an der Tageordnung. Die Bediensteten proben ebenfalls den Aufstand und revoltieren gegen die Bevormundung ihrer Herrschaften.

Aufstand in Schaffenrath

Aufstand in Schaffenrath. Foto: Stefan Döring.

Auch wenn das Stück mit seinen Liebschaften, Irrungen und Wirrungen wie immer eine sommerlich-leichte, unterhaltsame Note hat, ist es in diesem Jahr sehr viel politischer.

Geschichte wiederholt sich

„Woran liegt’s? Das Jahr 1848 hatte große Bedeutung für unsere heutigen politischen Strukturen. In Frankfurt trat 1848 zum ersten Mal die Nationalversammlung zusammen, ein frei gewähltes Parlament, das eine gemeinsame Verfassung für die vielen deutschen Einzelstaaten, die sich im „Deutschen Bund“ zusammengeschlossen hatten, erarbeiten sollte. Darin sollten die bürgerlichen Grundrechte und die zukünftige Staatsform festgeschrieben und damit gleichzeitig die Vereinigung der vielen deutschen Staaten vorangetrieben werden.

Ins Stück „1848 – Kinder der Revolution“ zieht mit dem Parlamentarier Wunderlich und dem konservativen Bewahrer Metternich das Politische in den privaten Raum ein.
Dazu passt auch ein Ausspruch der Gräfin zur Geliebten des Grafen:

„Das ist das Private in der Revolution. Das Private ist politisch, Madame!“

Gleichzeitig löst sich die politische Anspannung im Stück dadurch, dass von den Protagonisten eine menschliche, eine private Seite gezeigt wird.

Trotzdem bleibt eine zentrale Frage, die uns gerade aktuell auch beschäftigt: Wie demokratisch soll eine Nation sein? Ist die Demokratie sogar in Gefahr, wenn man dem „einfachen Volk“ zu viel politische Mitbestimmung einräumt? Lässt sich das „einfache Volk“ zu leicht von lauten, populistischen Schreihälsen verführen? Oder muss gerade das eine Demokratie aushalten?

Der Machtmensch Metternich sagt dazu im fiktiven Schaffenrath:

„Dann werden es eben nicht mehr die Herrscher sein, die ihre Armeen in den Krieg führen – sondern die Nationen selbst. Nur wird es kein Streit mehr um Herrschaftsansprüche sein, der zum Kriege führt – sondern der Hass der Nationen gegeneinander. Ist das besser? Nein, es ist schlimmer! Jeder Streit ist irgendwann beigelegt – aber wie soll der Hass überwunden werden? Darauf haben die Herren Nationalschwärmer keine Antwort. Und das Volk schließlich – woher sollte es denn seine Befähigung erhalten, sinnvolle und weise Entscheidungen zu treffen? Die Masse ist verführbar durch Demagogen! Wer am lautesten schreit, wird die meisten Stimmen erhalten! Die Mehrheit obsiegt über die Vernunft!“

Ensemble des Freilandtheaters beim Singspiel vom Schlösschen

Singspiel mit Metternich (Mitte, Adrian Ils)

Gleichheit und Gleichberechtigung

Während 1848 Politik hauptsächlich nur von Männern gemacht wird, bewegt die Gräfin von Seyl-Schaffenrath bereits die Gleichheit von Männern und Frauen. Im Stück ist ihre Gegenspielerin die „fremde Dame“ oder auch einstige Geliebte des Grafen. Die historische Vorlage für sie bot die Tänzerin Lola Montez, die dem ein oder anderem Staatsmann, allen voran aber König Ludwig I. von Bayern den Kopf vertrete, und so indirekt vielleicht doch politisch Einfluss nahm.

Ein Frauenchor in Schaffenrath bringt die Bedeutung der Frauen in diesen Zeiten auf den Punkt:

„Wer nur ne Frau ist und nicht hochgeboren
Der ist in diesen Zeiten übel dran
Die Bürgerrechte sind für uns verloren
Egalité gibt es nur für den Mann
[…]
Und niemand wird ein Denkmal uns errichten
Keines aus Bronze, keins aus Marmorstein
Man retuschiert uns weg aus den Geschichten
Lässt uns nur Mütter und Mätressen sein!

Wartet's nur ab

Wartet’s nur ab. Foto: Stefan Döring.

Am fränkischen Nabel der Welt werden spielerisch also die drängendsten Fragen der Geschichte und der Gegenwart verhandelt – das alles unter freiem Himmel und Sternenfunkeln. Am Ende entlässt das Ensemble die Zuschauerinnen und Zuschauer mit diesem Motto in die frische Nacht:

„Liberté et Egalité
Sind viel mehr als von gestern der Schnee
Und so denken wir unser Land jeden Tag neu –
Es bleibet dabei – die Gedanken sind frei!“

„1848 – Kinder der Revolution“ wird vom Freilandtheater Bad Windsheim noch bis zum 13. August 2016 aufgeführt. Infos im Netz, auch für die kommenden Stücke im Winter und in der nächsten Sommersaison gibt’s hier: www.freilandtheater.de

Snapchat-Story aus dem Freilandmuseum/Freilandtheater mit Autor Christian Laubert:

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