Wir haben die Wahl

Brief-Wahlunterlagen. Foto: V. Bachem

In Baden-Württemberg ebenso wie Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt wählen die Bürgerinnen und Bürger am 13. März einen neuen Landtag. Ich war gerade wählen. In Heidelberg ist Wählen vor dem Wahltag unkompliziert möglich. Ich bin einfach ins Bürgeramt Kirchheim gegangen, wo seit Versendung der Wahlbenachrichtigungen eine Wahlurne steht. Da ich am Wahlwochenende unterschiedlichen ehrenamtlichen Verpflichtungen nachgehe, habe ich mich für diese Möglichkeit des Wählens vorm Termin entschieden. Am 13. März keine Zeit zu haben, kann also schon mal kein Grund sein, die eigene Stimme nicht abzugeben.

Seit 1998 darf ich wählen. An der Bundestagswahl 1998, die am 27. September 1998 stattfand, blieb mir die Möglichkeit allerdings verwehrt, ich war knapp zwei Monate zu jung. Ein bisschen neidisch schaute ich damals auf meine Freunde, die zum ersten Mal zur Wahl gehen konnten. Speziell auf eine Freundin, die noch am Samstag vor der Wahl ihren 18. Geburtstag feierte. Bei allen dann folgenden Wahlen habe ich von meinem Wahlrecht Gebrauch machen können.

13. Juni 1999 Europawahl18. September 2005 Bundestagswahl27. September 2009 Bundestagswahl
24. Oktober 1999 Kommunalwahl in Baden-Württemberg26. März 2006 Landtagswahl Baden-Württemberg27. März 2011 Landtagswahl Baden-Württemberg
25. März 2001 Landtagswahl Baden-Württemberg22. Oktober 2006 Oberbürgermeisterwahl Heidelberg (1. Wahlgang)22. September 2013 Bundestagswahl
22. September 2002 Bundestagswahl12. November 2006 Oberbürgermeisterwahl Heidelberg (2. Wahlgang)25. Mai 2014 Europawahl und Kommunalwahl in Baden-Württemberg
13. Juni 2004 Europawahl und Kommunalwahl in Baden-Württemberg7. Juni 2009 Europawahl und Kommunalwahl in Baden-Württemberg19. Oktober 2014 Oberbürgermeisterwahl Heidelberg

Für mich war das nicht selbstverständlich, denn ich habe einen Teil meiner Kindheit in einem Land verbracht, in dem das mit dem Wählen so eine Sache war. Ich lebte bis 1990 in Erfurt. Nach der Wende zog ich mit meinen Eltern ins Neckartal. Klar, als Grundschülerin war es mit meinem Demokratieverständnis noch nicht so weit her. Aber ich habe mich, als ich älter wurde, besonders intensiv mit dem Start des Gemeinschaftskundeunterrichts, für die Möglichkeiten der Einzelnen in einer Demokratie interessiert. Wählen wurde mir wichtig.

Soweit, so unspektakulär.

Wählen gehen, Stellung beziehen, dem braunen Mob eine Absage erteilen

Warum erzähle ich Euch das alles? Weil ich mir zum ersten Mal, seit ich wählen gehe, Sorgen um die Demokratie mache. Ich fürchte die Bedrohungen vom rechten Rand, dessen Positionen nun angeblich auch von der Mitte der Gesellschaft vertreten werden. Ist das wirklich so? Es wäre schlimm.

Bisher war Politik für mich eher Privatsache. Ich habe meine politische Meinung nicht vor mir hergetragen, keine Partei öffentlich bevorzugt oder Wahlwerbung gemacht. Gut, als ich mich im letzten Jahr für die Wahl des BücherFrauen-Vorstands zur Verfügung gestellt habe, habe ich mich feministisch positioniert, ganz bewusst. Heute positioniere ich mich auch ganz bewusst gegen rechts.

Ich werde hier trotzdem keine Wahlwerbung für eine Partei machen, sondern Euch ausschließlich darum bitten, eine Partei NICHT zu wählen – auch nicht aus Protest! Stärkt bitte keiner menschenverachtenden und rassistischen Bewegung den Rücken.

Der Ursprung von „Wir sind das Volk!“

Noch mal zurück nach Erfurt in den Jahren 1989/90. Ich habe die Demonstrationen, die später zur Öffnung der Grenzen der DDR führten, als kleines Mädchen erlebt. In Erfurt fanden die Demonstrationen an Donnerstagen statt, auch der Tag, an dem ich regelmäßig am Fechttraininig in der Erfurter Innenstadt teilnahm. Mit 8 oder 9 Jahren war mir mein Fechttraining naturgemäß sehr viel näher als die politischen Demonstrationen. Mich beschäftigte damals vor allem die Frage: Kann ich ungestört mit der Straßenbahn wieder nach Hause fahren?

Erst im Nachhinein betrachtet wurde mir die Bedeutung dieser Demonstrationen für meinen Lebensweg klarer. Dass sich heutzutage wieder Menschen bei „Montagsdemonstrationen“ ganz anderer Art versammeln und den Ruf „Wir sind das Volk!“ ad absurdum führen, ist mir unerträglich.


Das Beitragsbild stelle Valentin Bachem zur Verfügung, hier geht’s zu seinem Heidelberg-Blog.

Mit diesem Beitrag schließe ich mich sehr gern Annas Blogparade Schreiben gegen Rechts an.